Alles geht irgendwann zu Ende. Ist das so? Geht wirklich ALLES mal zu Ende? Heißt das dann auch, dass die Endlichkeit endet?
Wenn wir uns intensiver mit unserer zweiten Lebenshälfte beschäftigen, dann kommt höchst wahrscheinlich auch die ENDLICHKEIT vor. Für mich immer schon ein Wort, das ich gemieden habe, wie angeblich der Teufel das Weihwasser. Ich hatte immer Angst vor dem, was in diesem Wort gnadenlos innewohnt – das ENDE.
Von Kindesbeinen an gab es Situationen, die mir die Endlichkeit vor Augen führten und mich spüren ließen, wie schwer ich mir damit tat und wie unwohl ich mich damit fühlte. Da waren die Wochenenden, deren Ende sich bereits knapp nach dem Mittagessen ankündigte, indem an allen Ecken und Enden für die Fahrt aus dem Weinviertel nach Wien vorbereitet und „weggeräumt“ wurde. Diese Unruhe, die zu spüren war, vergällte mir nahezu jegliches Tun, jegliches Spiel, jeglichen Genuss des Momentes, des Hier und Jetzt. Selbst als Kind, die angeblich viel mehr im Jetzt leben als wir Erwachsenen, riss mich das nahende Ende aus dem „Im-Jetzt-Sein“. Später als Erwachsener empfand ich das nahezu idente Gefühl, wenn die Zeit des Urlaub verstrichen war…
Aber was sagt es über uns aus, wenn wir uns von dem Ende so beeinflussen, ja in seinen Bann ziehen lassen, dass wir alles was davor liegt aus den Augen verlieren? Betrachten wir in diesem Kontext unser Leben, von dem wir nicht wissen wann es vorbei sein wird. Was – zumindest aus meiner Sicht – durchaus positiv ist, denn so erscheint mir diese Ablenkung vom Jetzt weniger stark. Ähnlich der Wochenenden als Kind, erging es mir stets in meinem bisherigen Erwachsenenleben. Ich war schlichtweg nicht wirklich in der Lage, mein Leben im Hier und Jetzt zu genießen. Immer war etwas so wichtig, das es galt noch zu erledigen – Geschäftsreisen, Meetings, private Todo’s, Vorbereitungen etc. – ich verwendete meine Zeit „im Funktionieren“.
Das Leben hatte es gut mit mir gemeint und ermöglichte mir letztlich relativ viel Zeit, um über mein Leben und wie und womit ich es füllen möchte, nachzudenken. Dabei merkte ich, dass ich mich durch mein stetiges Tun, von etwas sehr wesentlichen ablenkte.
Von der Auseinandersetzung mit meiner Endlichkeit. Warum ist das wichtig? Erst wenn wir in der Lage sind, unserem eigenen Sein und dessen Ende bewusst zu begegnen und uns damit beschäftigen, kann etwas in Gang gesetzt werden. Mir wurde bewusst, dass ich, bei durchschnittlicher Lebenserwartung, noch ca. 30 Sommer habe, die mir bleiben. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann muss ich wahrscheinlich die Hälfte davon abziehen, um auf 15 Sommer zu blicken, die ich, bei vermeintlich guter Gesundheit, vor mir habe. Und da war es – das Ende wurde greifbar und bekam etwas reales. Ich holte es aus der Abstraktion.
Im ersten Moment schreckte ich mich und leichte Panik befiel mich, was denn nicht noch alles zu tun wäre, was noch alles erledigt werden muss. Aber es sind nicht die „üblichen Verdächtigen“ wie Geschäftsreisen, Emails, Meetings, Verpflichtungen. Nein, es sind die Dinge, deren tieferen Sinn ich spüre. Es sind meine Kinder; es sind die Menschen, die mein Herz berühren und auch die Auseinandersetzung mit mir selbst.
Das, was mich an der Bewusstwerdung der eigenen Endlichkeit so schreckte, sie mich verdrängen ließ, war die Tatsache, dass ich Angst hatte, nicht das getan, erlebt, gesehen, gefühlt zu haben, was ich in diesem Leben eben sollte. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich im „Blindflug“ unterwegs war, dass ich nicht wusste, was es ist, was ich in meinem Leben Sinnstiftendes und Erfüllendes tun bzw. erleben möchte. Ich suchte mir Hilfe im Außen und bekam Bücher empfohlen, die mir dabei halfen, meine Reise zu meinem Sinn, meinen Erfüllungen, meinen Wünschen etc. in Angriff zu nehmen.
Ich bin nun am Weg zu meinen persönlichen „big five“ – die großen Fünf – bekannt von Safaris, wo man Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel zu den „big Five“ zählt, die ich finden will, um sie dann zu erfüllen.
Mit der Arbeit an meinem Weg und meiner persönlichen Endlichkeit merke ich, wie Dinge beginnen sich zu verändern, so zB. meine Angst vor tiefen Gefühlen zu Menschen, sich auf diese einzulassen und ja, sie sogar zu zeigen, trotz Furcht wieder verletzt zu werden. Mit diesem „sich einlassen“ änderte sich auch die Angst vor dem Ende, das stete Verdrängen der Dinge, denen ich mich stellen musste.
Es begann das Ende der Endlichkeit.

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