Oder warum es so wichtig ist, achtsam zu sein.
Wann immer ich mit meinen Kindern Zeit verbringe, werde ich reich beschenkt. Denn es gibt keine besseren Lehrer, für das Leben und was darin wichtig ist, als Kinder. So geschehen eines Sonntags, als wir gemeinsam zur Brueghel Ausstellung im Kunsthistorischen Museum unterwegs waren. Auf die Fragen, was wir uns da eigentlich ansehen, warum wir da jetzt hin müssen und ob es nicht besser wäre einfach zu Hause zu bleiben, versuchte ich alles erdenklich mögliche, um meinen Kids Kunst schmackhaft zu machen. Mit höchst mäßigem Erfolg. Jedoch die Aussicht einen Turm bauen zu können, ermöglichte zumindest das geduldige Schlangestehen, bis wir unseren „time slot“ in die Ausstellung hatten.
Bevor man noch zu den eigentlich ausgestellten Bildern kommt, beeindruck uns ein übergroßer Ausschnitt aus dem „Turmbau zu Babel„. Mit folgenden Highlights: „Du Papa, da kackt einer!“ oder „ich habe 10 Nägel gesehen“. Egal, aufgegeben wird nicht. Also rein in die Menschenmenge und Brueghel Bilder betrachten. Das geht mit einer Neunjährigen und einem Sechsjährigen etwa 20 Minuten lang gut, aber auch nur, wenn man des Meisters Werke als Wimmel-Such-Bilder „missbraucht“. Es war spannend zu sehen, dass die Geschichten hinter den Bildern, aus welchen Gründen der Maler dieses oder jenes so gemalt hatte, für sie interessant waren. Vor allem jene des babylonischen Turmbaus. Die Geschichte ist mehr oder minder bekannt. Menschen wollten es Gott gleich tun und bauten einen, in den Himmel ragenden Turm, worauf dieser sie mit der Sprachverwirrung, an der Fertigstellung hinderte.
Die Toleranz meiner Kids für Kunst war erschöpft. Woraufhin wir uns, im zweiten Stock des Museums, auf Unmengen von Bausteinen stürzten, um selbst einen Turm zu bauen. Der Prospekt zur Ausstellung ermutigt Kinder und deren Eltern, den nach Möglichkeit höchsten Turm zu erschaffen. Das Phänomen des Turmbaus zu Babel sollte verblüffend real werden.
Angefangen mit einem soliden Fundament, bauten wir den Turm höher und höher und vergaßen alles um uns herum. Die Zeit verflog, wir nahmen Sessel, Podeste und Sockel zu Hilfe um, darauf stehend, noch Baustein um Baustein setzen zu können.

Als plötzlich mein Sohn weinte. Bitterlich. Ich hatte es nicht sofort bemerkt. So sehr waren wir „besessen“ unser Werk zu vollenden. Ich kletterte von meinem Sockel, nahm ihn den Arm und versuchte ihn zu trösten. Schluchzend lag er in meinen Armen, unverständlich seine Worte. Ich kannte mich nicht aus. Erst als ich mit Ihm durch den Raum ging, weg von dem Turm, konnte ich sehen, was passiert war. Herabfallende Steine, die wir mühselig auf die oberste Kannte setzten, zerstörten sein Schaffen. Eine, mit Liebe zum Detail gebaute Garage, mit Rampe, einem kleinem Turm und einer Straße fielen unserer Achtlosigkeit zum Opfer.
Und heute mit etwas Distanz zu alledem, erscheint mir die Geschichte in ihrer Deutlichkeit wie ein Wiederholung der biblischen Erzählung. Angestachelt von der Schöpfung anderer, wollten wir die sein, die es noch besser, noch größer, noch prächtiger machen konnten. Wir folgten nur unserem eigenen Verlangen, unserem eigenen Antrieb. Wir achteten dabei nicht auf die Bedürfnisse Einzelner und zerstörten gar Wertvolles.
Wertvoll, weil die Freude etwas alleine gebaut zu haben, ganz nach seiner fabelhaften Fantasie, für meinen Kleinen so bedeutend war. Wertvoll, weil seine Emotionen noch so unverfälscht und ehrlich sind. Wertvoll, weil Kinder Ihren Gefühlen so Ausdruck geben können. Im Hier und Jetzt.
Dieses unmittelbare, ehrliche Gefühl, das Kindern noch innewohnt, bevor es durch den Verstand eingeschränkt wird, das sollte uns innehalten bzw. nachdenken lassen, über all das, was unser Herz erfreut bzw. erfreute. Es sind die kleinen Dinge, oft Alltägliches, die wir nicht mehr wirklich würdigen. Es ist der Morgen an dem wir die Augen öffnen, einen neuen Tag geschenkt bekommen, den wir selbst gestalten dürfen. Für uns förmlich eine Selbstverständlichkeit. Es ist das Frühstück, das einem die Liebste oder der Liebste schon gerichtet hat. Eilig zwischen Dusche und aus-dem-Haus-eilen, hastig zu uns genommen. Ein flüchtig dahingesagtes „hab‘ dich lieb“, das fast zu einer Grußformel verkommt und dessen tatsächlichen Wert nicht gerecht wird.
In diesem Sinne, lassen wir das Kind in uns mal wieder richtig raus und suchen die kleinen alltäglichen Besonderheiten, die unser Herz zum tanzen bringen. Sein wir achtsam zu uns selbst und all den anderen, die unser Leben begleiten.
PS: Im englischen Wort für Gefühl emotion steckt das Wort motion, also Bewegung. Gefühle müssen fließen, sonst bleiben sie stecken…
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