Das Thema, dass Gewebe über eine Art Gedächtnis verfügt wird sehr kontroversiell gesehen und führt im Bereich der manuellen Therapie und der Medizin auch immer wieder zu Diskussionen. In meiner Praxis erlebe ich Phänomene, die ich als Lösen bzw. Freisetzen von Erinnerungen im Körper bezeichnen würde. Dabei durchlebt der Patient einen Schmerz, bei der Auf- bzw. Durcharbeitung des sogenannten dysfunktionalen Gewebes – dies kann auch wieder alte traumatische Erinnerungen „aufwecken“. Jedoch passiert etwas mit diesem gespeicherten, teilweise schmerzvollen, Körpergedächtnis. Es wird deutlich abgeschwächt, oder gar gelöscht.
Verfügt nun das Fasziensystem über ein Gedächtnis bzw. welche Formen von Erinnerungsvermögen gibt es im Körper?
Die folgende Darstellung ist sicherlich nicht erschöpfend. Sie wurde im wesentlichen von einem ausgezeichneten Therapeuten/Osteopathen, Herrn Paolo Tozzi, Msc, BSc aufgestellt, von mir übersetzt und ein wenig überarbeitet.
Demnach gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, wie im Körper Traumata gespeichert werden können.
- Neurofasziales Gedächtnis – sprich über die darin liegenden Nerven(endungen)
- Fasziales Gedächtnis – in der Struktur selbst über Kollagen an den Spannungslinien
- Extrazelluläre Matrix und Gewebegedächtnis – darüber hinaus auch in Elastinfasern bzw. verschiedenen Zellen des gesamten Bindegewebes
- Epigenetik und Gewebegedächtnis – die epigenetische Regulation der Genexpression erfolgt aufgrund von Veränderung im Chromatinprotein und bleibt auch während der Zellteilung erhalten
- Mikrotubuli, Gel-Sol-Transformation und Gewebegedächtnis – eine Untergruppe des Zytoskeletts scheint ganze Informationsketten festhalten zu können.
- Faszienkontraktilität und Gewebegedächtnis
Das Fasziensystem verfügt über Myofibroblasten und darin über Alpha-Muskel-Aktine – dieses Struktur scheint va. mechanischen Stress gut aufzunehmen und zu speichern
- Chemisches Gedächtnis – eine Vielzahl von Substanzen überträgt laufend im Körper Botschaften die durch Rezeptoren in Zielzellen geleitet werden. Hier kommt es durch Peptide zur Bindung bzw. „Kodierung“ bestimmter Gefühle
- Tensegrity und Gewebegedächtnis – Tom Meyers einer der führenden myofascialen Therpeuten und starker Verfechter des Modells von Spannungs-Integrität, der den Körper als eine dreidimensionale viskoelastische Matrix sieht, in der über Druck-Zug-Kräfte das Gleichgewicht dynamisch beeinflusst wird. Somit wird über diese Matrix auch Information übertragen und gespeichert
- Wasser und Gewebegedächtnis – durch Wassermoleküle scheint das Fasziensystem ebenfalls so beeinflusst zu werden. Das sogenannte Grenzflächenwasser, wichtig bei der Ausformung der Zelle (Proteinfaltung)
Aus meiner Sicht kann man die Frage, ob der Körper über die Fähigkeit verfügt Informationen zu speichern, klar mit JA beantworten. Uns, als Therapeuten, eröffnet sich ein weites Feld, PatientInnen dabei zu unterstützen nachhaltig eine positive Veränderung auf mehreren Ebenen wiederherzustellen und dadurch eine Körper/Geist – Integrität herzustellen.
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